Gudrun Thiessen-Schneider

Gudrun Thiessen-Schneider – Ein Leben für die Kunst

Ein Blick zurück in die 1970er Jahre: Die Kunst schafft es, die Gemüter der Grafschafter in Wallung zu versetzen. Vielleicht kann sich der ein oder Andere noch an das Kunstwerk „Findling“ von Timm Ulrichs beim Konzert- und Theatersaal in Nordhorn erinnern. Der präzise nach den Körperformen des Künstlers ausgehöhlte Granitblock ist das Zeugnis einer aufsehenerregenden Performance. Zehn Stunden verbrachte Timm Ulrichs eingeschlossen und in absoluter Ruhestellung in diesem Stein.

Gudrun Thiessen-Schneider (Foto: © 2019 Wolfgang Weßling)
Gudrun Thiessen-Schneider (Foto: © 2019 Wolfgang Weßling)

Lebhaft wurde bei der Performance darüber diskutiert, ob das Gesehene wirklich Kunst sei. Verantwortlich für die Realisierung des Kunstwerks „Findling“ war Eckhart Schneider, von 1976 bis 1989 Leiter der Städtischen Galerie in Nordhorn.

Ihm zur Seite stand seine Frau Gudrun Thiessen-Schneider. Im Hintergrund engagierte sich die junge Kunstlehrerin bei den drei internationalen Bildhauer-Symposien Bentheimer Sandstein und beim Auf- und Ausbau des Nordhorner Skulpturenweges. Damit verbundene Aktionen wie ein Festmahl des Künstlers Nils-Udo auf seinem Kunstwerk „Der Turm“ in unmittelbarer Nähe des Klosters Frenswegen fanden nicht die ungeteilte Begeisterung der Bevölkerung. Auch hier stellte sich die Frage nach dem Kunstbegriff.

Schon früh musste sich Gudrun Thiessen-Schneider damit auseinandersetzen, dass sich vor allem an der modernen Kunst die Geister scheiden, insbesondere in der Provinz. Doch davon ließ sie sich nicht beeindrucken. Auch gegen Widerstände setzte sie sich für die moderne Kunst ein, und tut das bis heute.

Ein entscheidendes Datum für sie wurde das Jahr 1994. Nach der Ära Schneider, der 1990 Leiter des Kunstvereins Hannover wurde, geriet die Städtische Galerie in eine Krise. Im Förderverein kam es zur Spaltung unter den Mitgliedern und es erfolgte die Neugründung des Kunstvereins Grafschaft Bentheim. Als Räumlichkeit dient bis heute das ehemalige Hotel „Neuenhauser Hof“ an der Hauptstraße in Neuenhaus. Maßgeblich beteiligt an der Gründung war Gudrun Thiessen-Schneider, die jetzt deutlich aus dem Schatten ihres inzwischen Ex-Mannes heraustrat. Sie schrieb ein Kuratorenkonzept und wurde 1995 die künstlerische Leiterin des neuen Vereins.

Gleich mit zwei Ausstellungen startete sie richtig durch: Cobra und Living Room. Der Name „Cobra“ ist aus den Anfangsbuchstaben der Städtenamen COpenhagen, BRüssel und Amsterdam zusammengesetzt. Die Künstlergruppe bestand während der Jahre 1948 bis 1951. Zielsetzung war es, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Kunst als Akt der Selbstbefreiung zur Bildung eines neuen Bewusstseins einzusetzen und den wiedererstarkten reaktionären Kräften die Utopie eines offenen Kunstbegriffes entgegenzusetzen. Wichtig war den Künstlern auch die Pflege internationaler Kontakte. Führende Künstler der Gruppe wie Karel Appel (+ 2006) sind zu Weltruhm gekommen.

Das zweite Projekt des Kunstvereins galt dem Werk einer progressiven und einflussreichen Amsterdamer Galerie: The Living Room. Von der Galerie gingen während der Jahre ihres Bestehens von 1981 bis 1993 wichtige Impulse nicht nur für die niederländische Kunst aus.

Auch danach gelang es Gudrun Thiessen-Schneider immer wieder, trotz bescheidener Mittel, renommierte nationale und internationale Künstler nach Neuenhaus zu holen. Zu nennen sind unter anderem der Documenta-Teilnehmer Ulrich Meister, die renommierte Fotografin Barbara Klemm und der niederländische Künstler Henk Visch, der durch seine Edelstahlskulptur „Aus den Augen verloren“, die zum offenen Museum „kunstwegen“ gehört, in der Grafschaft Bentheim bekannt ist.

Gudrun Thiessen-Schneider an ihrem alten Arbeitsplatz in Neuenhaus (Foto: © 2019 Wolfgang Weßling)

Neben der Präsentation überregionaler Künstler, die Positionen der Gegenwartskunst vertreten, sind auf Initiative von Gudrun Thiessen-Schneider noch weitere Formate wie Parallel im Alten Rathaus und das Atelier auf Zeit entstanden. Hier haben regionale Künstler ein Forum gefunden, sich der Öffentlichkeit vorzustellen. Weitere Tätigkeitsfelder waren die regionalisierte Kulturförderung der Emsländischen Landschaft für ein Künstlerstipendium sowie kunstpädagogische Projekte.

Nach 25 Jahren war für Gudrun Thiessen-Schneider 2019 Schluss als Leiterin des Kunstvereins Grafschaft Bentheim. Die Leidenschaft für die Kunst bleibt.

(Text: Andreas Meistermann/März 2021)

Gudrun Thiessen-Schneider
* 1946
lebt und arbeitet in Neuenhaus
Email: thiessen.schneider@t-online.de