Thomas Niemeyer

Dr. Thomas Niemeyer – Der Kunstvermittler

Dass Kunst sein späteres Leben bestimmen würde, dafür gab es in der Biografie von Dr. Thomas Niemeyer, Leiter der Städtischen Galerie Nordhorn, kein besonderes, prägendes Ereignis. Als Kind war ihm der spielerische Umgang zum Beispiel mit Malerei nicht fremd, und als Sohn von bildungsbeflissenen Eltern, die die Kunst zu schätzen wussten, war ihm auch der Besuch eines Museums nicht fremd, doch die Zwangsläufigkeit einer beruflichen Karriere im kulturellen Bereich ergab sich für ihn nicht. Wie er im Gespräch sagte, war seine Neugierde als Heranwachsender auf viele Bereiche gerichtet. Als es Richtung Abitur ging, war es für Niemeyer durchaus eine Überlegung, Mathematik und Physik zu studieren.

Dr. Thomas Niemeyer (Foto: © 2021 Wolfgang Weßling)
Dr. Thomas Niemeyer (Foto: © 2021 Wolfgang Weßling)

Dass es anders kam, hatte auch mit ein paar Kunststudenten zu tun, die er zufällig kennenlernte und die er irgendwie interessant fand. Sie studierten an der Universität Kassel, die sich durch eine Besonderheit auszeichnete. Im Zuge der von der SPD/FDP Koalition initiierten Bildungsreform wurde 1970 in der hessischen Landeshauptstadt eine integrierte Gesamthochschule gegründet, die sich gegenüber dem traditionellen Universitäts-Alltag durch eine praxisorientierte und experimentelle Schwerpunktsetzung auszeichnete.

Wie Niemeyer berichtete, war er von Kassel als Studienort sofort fasziniert, weil die dort alle fünf Jahre stattfindende Documenta den direkten Zugang zur aktuellen globalen Kunstwelt gewährte, und das auch noch im schönen Umfeld des Bergparks Wilhelmshöhe mit dem dazugehörigen Fridericianum als zentralem Ort für zeitgenössische Kunst. Die Begeisterung darüber ist Niemeyer sofort anzusehen als auch anzuhören, obwohl seine Studienzeit dort schon etwas her ist. Dass er mit Kassel den richtigen Studienort gefunden hatte, lag aber noch an weiteren Faktoren. So gab es im Rahmen des Studiums immer wieder die Möglichkeit, mit Künstlern direkt in Kontakt zu treten und dadurch die aktuellen Bedingungen der Kunstproduktion mitzubekommen, und die Studenten bekamen Einblicke in die Gestaltung einer Ausstellung sowie die Kunstvermittlung. Neben dem Studium der Kunstwissenschaften belegte Niemeyer daher auch Erziehungswissenschaften.

Nach dem Abschluss des Studiums durchlief er verschiedene berufliche Stationen. Auf die Tätigkeit bei einer Galerie für zeitgenössische Kunst folgten eine Promotionsstelle an der Universität in Kassel, die Beteiligung an der von dem legendären René Block geleiteten Kuratorenwerkstatt, die erfolgreiche Teilnahme am Wolfgang Hartmann-Preis, die Tätigkeit als Mitarbeiter im kuratorischen Team im Museum Marta in Herford und seit 2014 die Leitung der Städtischen Galerie in Nordhorn.

Dr. Thomas Niemeyer (Foto: © 2021 Wolfgang Weßling)

Hier stellt er mit der Unterstützung seines Teams zeitgenössische Kunst aus und versteht sich weniger als Kurator, vielmehr als Kunstvermittler, der den Weg für einen Dialog bereitet. Entgegen dem vielfach vertretenen Urteil, dass in der Städtischen Galerie nur Kunst gezeigt werde, deren Verständnis sich dem Publikum zumeist entziehe, nimmt Niemeyer für die von ihm gezeigte Kunst in Anspruch, dass sie sich mit wichtigen Themen und Fragestellungen der Gegenwart beschäftigt, die auch für die meisten Menschen von Bedeutung ist. „Künstler sind nicht so fern der Welt. Sie haben die gleichen Sorgen, Gedanken und Ängste wie jeder andere. Der Unterschied ist nur der, dass sie oft früher und sensibler auf Entwicklungen, Veränderungen und Krisen in der Gesellschaft reagieren und sich in einem Kunstwerk ausdrücken“, sagt Niemeyer. Beispielhaft nennt er Joseph Beuys, der 1982 mit seiner Baumpflanzaktion bei einer Documenta auf die Bedrohung der Natur hingewiesen hatte.

Bei seiner Arbeit in Nordhorn nimmt er für sich in Anspruch, dass er das Gespräch mit den Menschen sucht und je nach Fragestellung unterschiedlich auf sie eingeht. Die Bandbreite erstreckt sich für ihn dabei von der grundsätzlichen Frage, was Kunst überhaupt ist bis hin zu fachspezifischen Fragestellungen, was  beispielsweise Stil und Form eines Kunstwerkes oder die Kunstgeschichte allgemein angeht. Wichtig, so Niemeyer, sei in diesem Zusammenhang aber auch die Bereitschaft zum Gespräch.

(Text: Andreas Meistermann/Dezember 2021)



Dr. Thomas Niemeyer
* 1967 in Hanau
lebt und arbeitet in Nordhorn
Website: https://staedtische-galerie.nordhorn.de/